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Geschrieben von: Jürgen Kill   
Dienstag, den 28. Juni 2005 um 15:27 Uhr

Tannengrün

ASPO Magazin , Ausgabe 7, 2000

Text und Bilder von Katrin Pietler


Drei Monate arbeiten mit Volldampf

“Das Schlimmste, dass uns passieren konnte“, kommentiert Wilfried Hillen, Inhaber des Unternehmens “Eifelgrün“ in Sellerich, die geschlossene Schneedecke, die schon Anfang November die Eifel überzog. Selbst für diese Mittelgebirgsregion war ein Schneeeinbruch, wie er im vergangenen Spätherbst bereits einsetzte, ungewöhnlich. Fr Eifelgrün bedeutet das: eine um die Hälfte reduzierte Schnittgrünproduktion, damit verbunden jede Menge stressige Koordinationsarbeit.

Denn es muss bei solchen Engpässen genauestens geplant sein, welcher Kunde seine Lieferungen zuerst erhält, welcher später. Für das Unternehmen ist damit viel zusätzlicher Lieferaufwand verbunden. Denn die Sellericher versorgen Kunden in der gesamten Bundesrepublik, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Benelux mit frischem Schnittgrün und Kränzen. Dabei hat man sich ein hohes Qualitätsziel gesteckt: Maximal drei Tage Umschlagzeit ab Schnitt, damit die Ware frisch beim Kunden ankommt und die Nadeln auch nach Wochen nicht rieseln.



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"Zwei Stunden Schlaf “Normal für die Saison“

An jenem Schneetag kommt für Hillen eine ganze Menge Stress zusammen: Zusätzlich ist auch noch der Allrad-Lkw, der Tannengrün aus dem unwegsamen Waldgelände abtransportiert, steckengeblieben. Und in der Nacht blieben für Hillen nur zwei Stunden Schlaf. “Normal für die Saison“ kommentiert der muntere, trotzdem gut gelaunte Unternehmer trocken.

Die Saison besteht für den Schnittgrünproduzenten aus einer absoluten Stosszeit: Im Oktober, November und Dezember drei Monate Volldampf, hier macht das Unternehmen rund 95 Prozent des gesamten Jahresumsatzes. Vor dem ersten Advent ist der Grossteil geschafft.

Hillen kümmert sich um den gesamten Bereich Ernte, Koordination, Kommissionierung und Logistik selbst. In der Stosszeit ist es normal, dass er in der Nacht noch selbst Lkw's belädt. Die besagten zwei Stunden Schlaf sind deshalb keine Seltenheit. Kaum etwas wäre ihm lieber, als eine geeignete Person zu finden, die ihn in Aufgaben der Unternehmensführung vertreten könnte, “Aber es ist schwer, eine entsprechende Führungskraft zu finden“.



Symbiose mit privaten Waldbesitzern

Das Grün gewinnt Eifelgrün teilweise aus eigenen, teilweise aus Pachtbeständen. Hinzu kommen private, staatliche und kommunale Forstbestände, für die das Unternehmen bundweise bezahlt. Auch viele private Forstbesitzer lassen ihre Flächen von den Eifelgrün-Mitarbeitern beernten und pflegen. “Eine Art Symbiose“, erklärt Hillen, “wir beernten und pflegen die Bestände . Der Waldbesitzer hat gegenüber der Holzernte schon sehr früh Ertrag aus seinen Forstflächen. Zudem produziert er durch ersparte Freistellungs-, Durchforstungs- und Wertastungskosten sein Holz wesentlich kostengünstiger als ohne die Zusammenarbeit mit Eifelgrün.“ Bei Baumarten, wie beispielsweise Abies nobilis, sei die Einnahme aus Schnittgrün zudem wesentlich lukrativer für den Waldbesitzer als das Holz selbst, das nichtsdestotrotz aber weiterwächst und noch 50 bis 70 Jahre lang seinen normalen Ertrag einbringt.





Nur eigenes Tannengrün wird weiterverarbeitet

Ein sehr grosser Teil des selbst geernteten Schnittgrüns wird in der Saison von Eifelgrün weiterveredelt. Ab Anfang November herrscht Hochstress in Sellerich. Etwa 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgen dafür, dass das abends aus dem Wald zum Betrieb geschaffte Schnittgrün innerhalb weniger Tage zu Kränzen, Handbunden und Gestecken weiterverarbeitet wird.

Ab diesem Zeitpunkt hebt sich Eifelgrün von den meisten Kranzbindereien, die fast ausschliesslich Schnittgrün einkaufen und sich nur auf die Kranzproduktion konzentrieren, ab. Hillen: “Nur für Schnittgrün, das wir selbst geerntet haben, können wir unseren Kunden eine Frischegarantie bieten.“ Frische sei besonders bei Adventkränzen, die letztlich bis Weihnachten ansehnlich bleiben m?ssen, äusserst wichtig.



Weihnachtsbaumproduktion läuft nebenbei

Die Produktion von Weihnachtsbäumen ist laut Hillen eher eine weitere Nebennutzung aus den jüngeren Schnittgrünkulturen. Der Qualitätsanspruch ist, nur erstklassige Bäume zu entnehmen und zu vermarkten. “Im Format schlechtere Bäume wachsen weiter und werden als Schnittgrünträger langfristig genutzt.“ In reinen Weihnachtsbaumkulturen mssten 60 bis 80 Prozent der Bäume als Weihnachtsbäume vermarktet werden, um Gewinne zu erwirtschaften.

Nach etwa sieben bis zehn Jahren lassen sich die Bäume verkaufen oder zur Schnittgrünproduktion verwenden. Eifelgrün vermarktet einerseits Weihnachtsbäume an Blumengeschäfte, Gartencenter und Betreiber von Weihnachtsbaumständen, andererseits als Direktvermarkter ab Hof oder auf eigenen Ständen in Wuppertal, Köln sowie aus Gründen der Imagepflege im benachbarten Prüm.





Keine Mindestabnahme auch bei weiten Anfahrten

Abnehmer der Eifelgrün-Erzeugnisse sind in erster Linie Einzelhandelsbetriebe, Floristen, Gartencenter, Marktständler sowie Grosshandelsbetriebe. Nahezu alle Wünsche auch Bestellungen von speziellem Grün, besonders grossen Kränzen oder Dekorationsware erfüllt der Unternehmer. Sonderwünsche kämen insbesondere aus Österreich. “Bei uns gibt es auch keine Mindestbestellmengen“ bei den teilweise weiten Anfahrtsstrecken sicherlich nicht immer rentabel. Aber Kundenbindung ist für das Unternehmen überlebenswichtig. “Wenn wir einen einzigen Floristen beliefern, zahlen wir in der Regel drauf“, weiss Hillen. Aber durch Mund-zu-Mund-Propaganda wird aus einem Geschäft schnell ein ganzer Kundenkreis und die Region lässt sich wirtschaftlich rentabel beliefern. “Zwischen Floristen herrscht wenig Konkurrenzdenken“, sind hier seine Erfahrungen.



Produktion auch im Sommer

Schnittgrün, Kränze, Strohrömer, Weihnachtsbäume alles liefert Eifelgrün mit dem eigenen Fuhrpark aus. Nur sehr abgelegene Geschäfte übernimmt eine Blumenspedition aus dem Raum Frankfurt. “Es hat lange gedauert, bis wir eine Spedition gefunden haben, die uns in puncto Schnelligkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zufrieden stellen konnte.“ Einer der eigenen fünf Lkw's ist ganzjährig im Einsatz, er liefert über das ganze Jahr hinweg Strohrömer, Trauerkränze und Schnittgrün meist für Beerdigungen aus. In dieser Zeit findet die Produktion auch räumlich sehr reduziert statt.

Nur fünf Arbeitskräfte sind bei Eifelgrün ganzjährig beschäftigt. In der Saison arbeitet das Unternehmen mit rund 40 Mitarbeitern bei der Ernte im Wald sowie 100 Kranzbinderinnen. Viele davon sind Saisonarbeitskräfte aus Polen. Sie arbeiten in Schnittkolonnen von drei bis acht Personen.

Investitionen für die Zukunft geplant

Das Unternehmen Eifelgrün besteht derzeit noch aus zwei auseinander liegenden Standorten in Sellerich. Einem Bürohaus, einem 10 000 Quadratmeter-Grundstück mit Halle und grossen Rampe für Umschlag, Strohrömer-Produktion und Weiterverarbeitung sowie einem ausgedienten unterirdischen Militärbunker, der mit seinem kalten und feuchten Klima als Kühllager dient. “Das erfordert viel Fahrerei und Koordinierung“, so der Betriebsinhaber.

Hillen nutzt seine örtlichen Kontakte eigentlich in jeder möglichen Weise: Stroh für die Produktion der Strohrömer liefern die Bauern der Region, mit dem Besitzer einer Autowerkstatt ist er befreundet, so dass dort die Allradfahrzeuge oder ein LKW auch schon mal ber Nacht repariert werden. In einem so kleinen Ort wie Sellerich zählen nun einmal die sozialen Kontakte.

TASPO Magazin 7/2000, Autorin Katrin Pietler





Zufriedene Mitarbeiter machen auch Saisonstress mit

Die saisonale Stressphase ist für Mitarbeiter und Familie nicht ganz unproblematisch: Während die Omas in dieser Zeit die drei Kinder versorgen, betreuen die Ehefrau des Unternehmers und eine Bürokraft quasi rund um die Uhr das Büro: “Da kann es schon mal nachts drei Uhr werden“, weiss Hillen.

“Mitarbeiterpflege“ ist bei diesen Arbeitsbedingungen ein besonders wichtiges Thema. Für Frühstück, die allabendliche gemeinsame warme Mahlzeit und die Lunchpakete für den Tag hat Hillen eigens eine Köchin eingestellt. “Wer den ganzen Tag im Wald war, soll nicht noch abends am Herd stehen müssen“.

Auch im Sommer reichlich zu tun

“Ich liebe die Saison, da kann ich mich so richtig auspowern“, sagt Hillen trotz allem. Das heisst aber nicht, dass nach der Saison für ihn nichts zu tun bleibt. In dieser Zeit kontrolliert er regelmässig die Waldbestände, beobachtet den Krankheitsbefall und sehr wichtig er kümmert sich um die Kundenpflege. Das bedeutet: Kunden aus nah und fern einladen, die Waldbestände zeigen, Aufträge für die kommende Saison festmachen.

Anstrengend wird es auch im August, wenn die internationale Floristikmesse Iflo in Essen ansteht. “Die Messe ist für uns besonders wichtig“, seit der ersten Iflo ist er dort mit einem eigenen Stand vertreten. Um den Kunden frische Ware zu zeigen, heisst es, den Schnitt der Ausstellungsware in den zwei bis drei Tagen vor der Messe wegen der sommerlichen Temperaturen bis spätestens neun Uhr morgens geschafft zu haben. “Qualität und Frische sind unser wichtigstes Potential“, damit möchte das Unternehmen auch auf der Messe überzeugen.








Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 17. Januar 2006 um 16:38 Uhr